So fördern Städte die Identität und das Zusammenleben einer Nachbarschaft

21. Dezember 2022
Von Quentin Aeberli
Kategorie: Stories, Wohnen

Wenn es um ein aktives Zusammenleben geht, ist Gernot Tscherteu die richtige Ansprechperson. Der Social Designer entwickelt seit über 20 Jahren Strategien, um die Menschen einer Nachbarschaft zu einer Community zu formen. Im Interview mit beUnity gibt der Geschäftsführer der realitylab GmbH am Beispiel der Stadt Wien Auskunft, wie soziale Nachhaltigkeit im Leben vor Ort umgesetzt werden kann und welche Rolle dabei digitale Tools spielen.

Gernot Tscherteu ist ausgebildeter Sozialwissenschaftler und bezeichnet sich selbst als «Social Designer». Als Geschäftsführer der realitylab GmbH dreht sich beim Wiener alles um die Frage, wie Bauprojekte von Beginn weg so geplant werden können, dass der sozial-gemeinschaftliche Gedanke unter den Bewohnenden optimal gelebt wird. Es ist eine Frage, die neben Österreich auch in Deutschland und der Schweiz vermehrt gestellt wird.

Die wegweisende Planung

Der Grundstein für eine belebte Gemeinschaft wird bereits in der Konzeption und Planung, mehrere Jahre vor dem Bau einer Wohnung, gelegt. Dies bestätigt auch Tscherteu auf Anfrage von beUnity: «In einer Stadt leben viele Menschen auf relativ engem Raum. So ist es zum Beispiel der Stadt Wien wichtig, dass eine Hausgemeinschaft entwickelt wird, welche das Miteinander ins Zentrum stellt. Dies geht so weit, dass in Wien mittlerweile keine von der Stadt subventionierten Bauten mehr ohne ein sozial nachhaltiges Konzept errichtet werden dürfen.»

Neben Wien besitzen auch weitere Städte Vorgaben, wie ein Gebäudebau sozial nachhaltig gebaut werden kann. So wurde in Deutschland bereits in mehreren Bundesländern der Stein ins Rollen gebracht. Und auch die Stadt Zürich stellt beispielsweise für Investierende und Planende von Neubauten einen Leitfaden zur Verfügung. Die Förderung der Identität und des Zusammenlebens vor Ort ist dabei ebenfalls bei den vier Erfolgsfaktoren zu finden. Dazu gehören der Bau von Gemeinschaftsräumen, kulturellen Einrichtungen bis hin zu Gemeinschaftssaunas. Aber auch Konzepte für digitale Kontaktmöglichkeiten oder der geplante Einsatz von soziokulturellen Animator:innen unterstützen die Ziele der sozialen Nachhaltigkeit.

Das bild zeigt Dächer der Stadt Wien.
In der Stadt Wien werden keine subventionierten Bauten ohne soziales Konzept mehr bewilligt. Bild: Jenna Dugain

Partizipation – und das in ihrer reinster Form

Mit Massnahmen in der Planung und Konzeption eines Gebäudebaus ist ein gemeinschaftliches und partizipatives Zusammenleben aber noch nicht gegeben. Neben baulichen Massnahmen muss die Förderung von Eigeninitiative und von selbstorganisierten Personen-Netzwerken als Ziel gesetzt werden. Dies ist auch ein Schwerpunkt der realitylab GmbH. «In sogenannten Baugruppenprojekten stehen wir den Bauführer:innen ab Vermietungsstart als Begleitung zur Seite und unterstützen diese in den ersten Bezugsjahren», erläutert Tscherteu, der selbst in einem von der Stadt Wien subventionierten Wohnbau lebt.

Im Zentrum dieses Betreuungs- und Begleitungsprozesses steht die Methode der Soziokratie. In gemeinsamen Entscheidungsprozessen organisieren die Bewohnenden das Zusammenleben selbst. Dies beginnt bereits vor dem Erstbezug. Ein Beispiel dafür liefert Tscherteu: «Mit gezielten Botschaften auf der vorgefertigten Webseite sollen Menschen angelockt werden, welche sich mit den Ideen und Werten des Projekts identifizieren können. Sind diese Personen gefunden, werden Infoveranstaltungen durchgeführt und die Bewohnenden organisieren sich in Arbeitsgruppen, planen das Gebäude und die Gemeinschaftsräume und definieren ihre Regeln fürs Zusammenleben.»

Der Nachbarschafts-Gestaltungsprozess für die Wolfganggasse, einem Projekt der realitylab GmbH. Screenshot: Webseite

Erfahrung ist gefragt

Dieser Prozess der Partizipation steht dann auch ab Mietbeginn an vorderster Stelle. Gernot Tscherteu zählt auf: «Wir unterstützen bei der Bildung von Mieterbeiräten, welche den Kontakt zur Verwaltung pflegen, organisieren Diskussionsrunden zu aktuellen Themen und planen zahlreiche Events.» Dazu gehören Workshops, gemeinsame Wochenenden und zahlreiche Gespräche, um den Austausch und den Kontakt unter den Mietenden aufrechtzuerhalten und eine erfolgreiche Basis für einen gemeinsamen Entscheidungsprozess zu gewährleisten.

Genau da liege laut dem Österreicher nämlich der Punkt, wo viele Projekte scheitern: In der falschen Umsetzung von Partizipation: «Heutzutage wird sehr oft von Partizipation gesprochen. Doch wenn man genauer hinschaut, handelt es sich bestenfalls um eine offene Information. Mitreden dürfen die Bewohnenden aber kaum.» Wer aus den Bewohnenden eine aktive Community formen möchte, muss hingegen mit offenen Karten spielen: «Die Menschen müssen genau wissen, wann und wie sie am Zusammenleben teilnehmen und partizipieren können. Für die richtige Umsetzung braucht es die nötigen Begleitmethoden und Tools. Dies kann nicht über Nacht geschehen. Es ist ein Prozess, der Vorbereitung und viel Erfahrung benötigt.»

Digital und Real ergänzen sich optimal

Was in diesem Prozess in Richtung Partizipation nicht vergessen gehen darf, ist der Einsatz von digitalen Tools. So lautet auch Tscherteus Credo: «Soziale und digitale Prozesse sollten immer gemeinsam entwickelt werden.» Kein Wunder also, hat er in seiner langjährigen Erfahrung viele Plattformen gesehen und sogar selbst entwickelt. Nur: Viele der Lösungen haben sich als «Insellösungen» entpuppt und sind bereits wieder in die digitalen Jagdgründe eingegangen. Die Aufrechterhaltung hätte anscheinend mehrere tausend Euro gekostet.

Im neuesten Projekt der Reality Lab GmbH setzt man deshalb auf den digitalen Treffpunkt von beUnity. Screenshot: beUnity-App

Trotzdem tut Tscherteu gut daran, das Zusammenleben auch digital zu organisieren. «Auf Webseiten finden die Bewohnenden die wichtigsten Informationen, für Umfragen werden unterschiedliche Tools eingesetzt und auch in den Baugruppen kommunizieren wir teils über Slack und Co.» Zudem sei in gewissen Häusern der Einsatz von WhatsApp oder Telegram versucht worden. Aber die Erfahrungen hätten gezeigt, dass auch dies nicht das Gelbe vom Ei sei – aus verschiedenen Gründen.

Im neuesten Projekt der Reality Lab GmbH setzt man deshalb auf den digitalen Treffpunkt von beUnity. «Die Schweizer Plattform bietet ein massgeschneidertes Angebot für den Austausch in Nachbarschaften», erklärt Tscherteu die Einführung der neuen App. «Mit den vielen Funktionen bietet die Plattform den richtigen Mix zwischen Information, Interaktion und einer Art privatem Social Media. Zudem müssen sich die Bewohnenden nicht mühsam einarbeiten, da die Plattform strukturiert daherkommt und an bestehende Lösungen anknüpft, die den Menschen bereits vertraut sind.»

Disclaimer

Das Gespräch mit Gernot Tscherteu hat Quentin Aeberli, Community-Betreuer bei beUnity, geführt. In all seinen Erzählungen betonte Tscherteu dabei, dass die Methoden zur sozialen Nachhaltigkeit auch in Österreich nicht zum Standard gehören. Die Stadt Wien habe hier einen Massstab gesetzt, nach dem sich viele weitere Städte Österreichs, aber auch der Schweiz und Deutschland richten sollten – am besten schon seit gestern.


Das Reality-Lab-Team und die Expert:innen von beUnity stehen allen interessierten Personen jederzeit für einen Austausch zur Verfügung – sei dies für konzeptionelle Auskünfte oder Fragen zur Plattform beUnity.

Quentin Aeberli, Kommunikation beUnity AG

Quentin Aeberli

«Meine damalige Deutschlehrerin würde ihren Augen nicht trauen, wenn sie wüsste, dass ich Blogs schreibe.»
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